Persistierende primäre Reflexe – ein übersehener Faktor bei Lern- und Verhaltensproblemen
Jedes Neugeborene reagiert auf Reize mit angeborenen primären, frühkindlichen Reflexen. Diese Reflexe lösen automatische, stereotype Bewegungen aus, die dem Kind während der Geburt helfen und in den ersten Lebenswochen lebenswichtige Funktionen erfüllen. Ihre Auslösbarkeit bleibt nur bis zu einem bestimmten Entwicklungsstadium bestehen – abhängig vom Reifungsgrad des zentralen Nervensystems (ZNS).
Dank der primären Reflexe lernt das Gehirn schrittweise, die Körperfunktionen richtig zu steuern: z. B. visuelle und auditive Reize zu verarbeiten, Gleichgewicht zu halten, räumliches Sehen zu entwickeln, grob- und feinmotorische Fähigkeiten aufzubauen und die Hand-Auge-Koordination zu verbessern.
Die psychomotorische Entwicklung verläuft in direkter Verbindung mit der Entwicklung des Gleichgewichts, der Orientierung, der Bewegungskoordination und der Muskelkraft im ganzen Körper. Diese Fähigkeiten beeinflussen wiederum, wie sich Kopf, Schultern, Wirbelsäule, Becken und Beine aufrichten. Diese Entwicklung hängt jedoch direkt mit der Aktivität der primären Reflexe zusammen – und somit beeinflusst ihre Persistenz die gesamte psychomotorische Reifung.
Primäre Reflexe sind unbedingte Reflexe, die vom Hirnstamm gesteuert werden. Ihre Auslösbarkeit sollte nur in den frühen Phasen der Entwicklung gegeben sein. Wenn jedoch die Kontrolle durch höhere Gehirnfunktionen nicht ausreichend ausgebildet ist, können diese Reflexe auch im späteren Alter aktiv bleiben.
Viele Menschen zeigen zumindest einen aktiven primären Reflex. Wenn jedoch mehrere Reflexe gleichzeitig persistieren, kann das die neurologische Entwicklung erheblich stören. Persistierende Reflexe beeinträchtigen die sensorische Wahrnehmung, das Gleichgewicht, die Koordination und letztlich die Lernfähigkeit. Bereits eine eingeschränkte Funktion in einem dieser Bereiche wirkt sich negativ auf andere Funktionen aus.
Deshalb geraten manche Kinder in ihrer Entwicklung ins Hintertreffen und haben Schwierigkeiten in der Schule. Studien zeigen: 92 % der Kinder mit ADHS haben mindestens einen aktiven Reflex und Gleichgewichtsstörungen. Weitere Forschungen bestätigen einen Zusammenhang zwischen Leseproblemen (Dyslexie) und persistierenden Reflexen. Diese Schwierigkeiten können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen – viele Betroffene haben dann Schwierigkeiten, mit Alltagsstress umzugehen.
Die Entwicklung des Kindes – wie ein Baum
Die Entwicklung eines Kindes lässt sich mit dem Wachstum eines Baumes vergleichen. Häufig achten wir nur auf die „Früchte“ – also darauf, ob das Kind lesen, schreiben und rechnen kann. Doch ohne gesunde Wurzeln kann kein stabiler Baum wachsen.
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Wurzeln: Geburt und früheste Erfahrungen
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Stamm und Äste: Psychomotorische Entwicklung
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Baumkrone: Sensorische und emotionale Fähigkeiten, Zusammenarbeit der Gehirnhälften, Augenkoordination (Binokularität)
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Früchte: Schulische Leistungen, Sprache, Körperhaltung, Bewegungskoordination
Fehlt ein stabiles Fundament, sind auch pädagogische oder therapeutische Maßnahmen oft zu anspruchsvoll. Hier setzt die Neuro-Entwicklungstherapie an – sie arbeitet von Grund auf.
Wie es der angesehene britische Experte A. E. Tansley formulierte:
„Bevor wir soziale oder emotionale Faktoren betrachten, müssen wir fragen: Verfügt dieses Kind überhaupt über die neurologischen Voraussetzungen, um altersgerecht erfolgreich zu sein?“

Für erfolgreiches Lernen braucht es:
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gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Gehirn und Körper
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fließende Augenbewegungen zum Lesen
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koordinierte Hand-Auge-Steuerung beim Schreiben
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funktionierendes Gleichgewichtssystem für jegliche motorische Aufgaben
Störungen in diesen Bereichen erschweren das Lernen – unabhängig von der Intelligenz des Kindes.
Wie helfen wir betroffenen Kindern?
Zuerst müssen wir klären, ob die Probleme möglicherweise körperlich bedingt sind – z. B. durch persistierende primäre Reflexe. Wird deren Aktivität festgestellt, kommen gezielte Bewegungsübungen zum Einsatz, die die neuronale Verbindung zwischen Körper und Gehirn sowie zwischen verschiedenen Hirnzentren verbessern. So schaffen wir die Grundlage für erfolgreiches Lernen.

Krabbeln
Krabbeln ist ein fundamentaler Bewegungsablauf. Dabei lernt das Kind, seine Handbewegungen visuell zu kontrollieren – eine Voraussetzung für flüssiges Lesen (ohne Zeilen zu überspringen). Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit zwischen Gleichgewichts-, Lage- und Sehsinn gefördert.
➡ Viele Kinder mit Leseproblemen haben nie richtig gekrabbelt!

Schreiben
Schreibschwierigkeiten können durch persistierende Reflexe verursacht werden. Ohne:
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stabile Körperhaltung und Gleichgewicht
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Integration beider Körperhälften
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flüssige Armbewegungen
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feinmotorische Geschicklichkeit
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Fähigkeit zur Mittellinienüberkreuzung
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klare Dominanz einer Hand
… wird Schreiben zur täglichen Herausforderung.

